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„Urwald ist keine Lösung“: Interview mit Dr. Uwe Meyer

„Urwald ist keine Lösung“: Interview mit Dr. Uwe Meyer

Fünf Prozent des Waldes in Deutschland sollen bis zum Jahr 2020 aus der forstwirtschaftlichen Nutzung genommen werden und sich zu neuen „Urwäldern“ entwickeln – so will es die nationale Biodiversitätsstrategie. In diesen Gebieten soll auch die Jagd untersagt werden, um die Artenvielfalt zu schützen. Erfahrene Forstwirte befürchten, dass diese Strategie eher das Gegenteil bewirken könnte. So auch Dr. Uwe Meyer, Leiter des Forstamtes in Bad Wünnenberg-Fürstenberg.

Herr Dr. Meyer, zurzeit wird viel darüber diskutiert, wie die deutschen Wälder in Zukunft genutzt werden sollen. Warum ist das Interesse so groß?

Dr. Uwe Meyer: Ein Grund dafür ist sicher, dass der Klimawandel uns so sehr beschäftigt und die Menschen große Sehnsucht nach unberührter Natur haben. In diesem Zusammenhang spielen unsere Wälder eine wichtige Rolle.

Können Sie uns Beispiele dafür geben?

Dr. Uwe Meyer: Natürlich. Zum einen verbessert der Wald ganz aktiv unsere Klimabilanz und unsere Luft, da die Bäume Kohlendioxid aufnehmen und Sauerstoff abgeben. Zum anderen wird der nachwachsende Rohstoff Holz immer wichtiger als Bau- und Brennstoff, denn er kann fossile Materialien und Energieträger ersetzen. Nur durch die verstärkte Nutzung von Holz wird Deutschland seine hohen Klimaschutzziele erreichen können.

Warum sind die geplanten „Urwälder“ in diesem Zusammenhang problematisch?

Dr. Uwe Meyer: Einen Wald aus der forstwirtschaftlichen Nutzung zu nehmen, bedeutet, die Bäume nicht mehr zu pflegen und zu ernten, sondern sich selbst zu überlassen. So werden beispielsweise umgestürzte Stämme nicht mehr entfernt, sondern bleiben im Wald liegen, bis sie vermodern. Das Holz kann also weder als klimaneutraler Brennstoff genutzt werden noch zum Bauen. Wenn man bedenkt, dass in jedem verbauten Kubikmeter Holz dauerhaft eine Tonne CO2 gespeichert wird, erscheint mir das als große Verschwendung. Außerdem „atmet“ totes Holz nicht mehr und nimmt gleichzeitig den nachwachsenden Bäumen Raum und Licht. Insgesamt ist die Klimabilanz von Urwäldern daher wesentlich schlechter als die von sorgsam gepflegtem und nachhaltig genutztem Wald. Dazu kommt noch, dass sich Schädlinge viel leichter ausbreiten, wenn der Wald nicht gepflegt wird. Auch deshalb sehe ich eine Stilllegungsforderung von 5% als sehr problematisch an. Viele Naturschutzexperten sind sich einig, dass ein Netz von kleinen und kleinsten ökologischen Trittbausteinen eher zielführend ist. Leider sind diese nur schwer in einer Flächenstatistik nachzuweisen.

Wie sieht es denn mit den Waldbesuchern aus? Würden sie vom „Urwald“ profitieren?

Dr. Uwe Meyer: Ganz im Gegenteil, fürchte ich, denn absterbende Bäume können für die Erholungssuchenden, die sich im freien Wald bewegen dürfen, sehr gefährlich werden. In Deutschland galt bislang im Rahmen der ordnungsgemäßen Forstwirtschaft die Verpflichtung einen sauberen, gesunden und stabilen Wald zu erzeugen und zu erhalten. Eine Abkehr von diesem Prinzip führt zu erhöhtem Risiko – für die Menschen genauso wie für die Flora und Fauna.

Auch über Jagdverbote wird immer wieder diskutiert. Welchen Einfluss haben sie auf die Artenvielfalt?

Dr. Uwe Meyer: Wissenschaftliche Studien zeigen auch hier einen negativen Effekt. Manche Tierarten profitieren vom Jagdverbot, aber andere leiden. Füchse und Waschbären sind zum Beispiel stark auf dem Vormarsch – es gibt heute doppelt so viele Füchse wie noch vor 20 Jahren. Dadurch geht die Zahl bodenbrütender, bedrohter Vogelarten wie dem Rebhuhn weiter zurück, denn die Nester werden regelmäßig von Füchsen leergeräumt. Auch Wildschweine sind sehr robust und anpassungsfähig, sie vermehren sich schnell und können viel Schaden anrichten, wenn ihre Zahl nicht durch Jäger reguliert wird. Ein weiteres Beispiel ist der Schutz der Kormorane, der negative Effekte auf den Fischbestand hat. Schon jetzt gibt es in manchen Fließgewässern kaum noch oder gar keine Eschen mehr.

Wie lautet Ihr Fazit?

Dr. Uwe Meyer: Zu denken, alles wird gut, wenn man nur die Natur sich selbst überlässt, ist leider zu kurz gedacht. In der Natur überleben eben immer die stärksten – und genau die Schwachen, die wir eigentlich schützen wollen, gehen dabei zugrunde. Urwälder sind daher für mich keine nachhaltige Lösung, weder für den Klimaschutz noch für den Artenschutz.

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